Ein interessantes, wissenschaftliches und doch gut zu lesendes Buch für alle
Opernliebhaber, Theaterschaffende und Übersetzungswissenschaftler:

 
LA TRAVIATA
- verführt?
- verirrt?
- oder vom rechten Wege abgekommen?
Über die wahren Schwierigkeiten beim Übersetzen italienischer Opernlibretti ins Deutsche

Eine Studie, die untersucht, worin die Schwierigkeiten beim Übersetzen von Opernlibretti begründet liegen. An zahlreichen Beispielen aus Verdis Oper La Traviata wird aufgezeigt, wie sich übersetzerische Probleme manifestieren und wie unterschiedlich sie gelöst werden können.
 
 

Weitere Informationen zum Buch finden Sie im Internet unter:
http://www.uni-mannheim.de/mateo/verlag/monograph/micke/micke.htm

 

 
 

Über die wahren Schwierigkeiten beim Übersetzen italienischer Opernlibretti ins Deutsche (kurzer Auszug)

Oh le traduzioni sono una cosa orrenda! (Verdi in einem Brief an Ricordi vom 16.1.1883)

Die neueren, für die Textgattung Libretto relevanten übersetzungstheoretischen Ansätze tendieren dahin, das Übersetzungsziel in den Vordergrund zu stellen und konzentrieren ihre Überlegungen auf das Resultat als Ganzes. Im Zentrum des Interesses steht nicht mehr die Aufstellung eines Fehlerkatalogs oder die Überprüfung einzelner Äquivalenzkriterien, sondern die Frage, ob der Zweck der Übersetzung unter Einsatz der zur Verfügung stehenden Mittel erreicht worden ist. Am Anfang muß also die Überlegung stehen, was will ich mit meiner Übersetzung erreichen? Je nachdem, ob eine Übersetzung für eine sprachlich (und szenisch) erneuerte oder für eine traditionell-historische Inszenierung anzufertigen ist, werden die Kriterien anders liegen. Es kann sein, daß bei einer Übersetzung für eine moderne Inszenierung, das modernisierte Werk als Ganzes an Homogenität gewinnt, wenn bewußt auf die Übertragung des Verses und besonders poetischer Wendungen verzichtet wird. Für das Libretto würde dies bedeuten, daß Sprachstilistik oder Wortwahl primär einem zielgerichteten subjektiv-künstlerischen Anspruch des Übersetzers (und Regisseurs) genügen müssen. Folglich können Übersetzungen stark differieren, wenn sie von unterschiedlichen Zielvorstellungen geprägt sind. Um ihr angestrebtes Ziel zu erreichen, müssen die Übersetzer Präferenzen setzen, was zu unterschiedlichen Resultaten führen kann:

Piave: A me, fanciulla, un candido e trepido desire ...
Nathalie von Grünhof: Ich steh verlassen und allein mitten im Weltenleben
Popelka/Winkler: Ich war verloren, stets allein mitten im tollen Leben.
Felsenstein: Fühl wie ein Kind zum erstenmal zitternd ein süßes Bangen.
[La Traviata, Violetta, 1.Akt, 5.Szene]

Die Unantastbarkeit der Noten wird allgemein als erstes Gebot der Opernübersetzung anerkannt. Dies hat zur Folge, daß sich der neue Text den musikalischen Vorgaben rigoros anzupassen hat. Die Silbenquantitäten bereiten dabei weniger Schwierigkeiten als die richtige Betonung und Phrasierung:

   per lei sa - rà, || l'uo- mo im-pla- ca- bi- le
werden die Men || schen stets mir Rich-ter sein
[La Traviata, Violetta, 2.Akt, 5.Szene; Popelka/Winkler]

Die feststehenden musikalischen Konstanten behindern die Modellierversuche des Übersetzers. Die bereits gefundene, für die Übersetzungsziele geeignete Sprachform gleicht sich nur unter Hinnahme von Verzerrungen, Stauchungen oder sogar üblen Brüchen an. Die größten Probleme liegen demnach in den Bereichen, in denen der Übersetzer aufgrund des durch die Musik bestimmten Ablaufplanes der Oper keine oder nur sehr begrenzte Freiheiten hat, also an den (vielen) Stellen, an denen sich individuelle, zielgerichtete Auswahlentscheidungen dem Diktat der Musik und Dramaturgie unterzuordnen haben. Hörbare Fehler tauchen besonders dort auf, wo der Übersetzer nicht auf die Musik Rücksicht nimmt oder gegen die Musik gerichtete, falsche Präferenzen setzt (z.B. falsche Akzente hinnimmt, nur um einen musikalisch nicht nachvollzogenen Reim zu bewahren). Dabei ist zu berücksichtigen, daß auf den ersten Blick kritisierbare Übersetzungsfehler in einem gesamtheitlichen Wirkungszusammenhang gesehen werden müssen. Oft ist es nur möglich, eine übersetzerische Lösung für ein bestimmtes Problem zu finden, wenn in einem sprachlich-grammatikalischen oder klanglich-musikalischen Bereich Abstriche gemacht werden. Diese Hinnahme von 'kleineren', kaum wahrnehmbaren Fehlern kann durch das damit ermöglichte Verfolgen des größeren (der Inszenierungsabsicht dienlichen) Übersetzungszieles motiviert werden.

Die Untersuchung des klanglich-musikalischen Bereichs der beiden Sprachen Deutsch und Italienisch zeigt, daß die phonetischen Merkmale der deutschen Sprache schwerlich (auch bei gewissenhaftester und sorgfältigster Wortwahl) einen mit dem Italienischen identischen Klangeindruck hervorrufen können. Da ein identisches Sprachklangresultat nicht erreicht werden kann, sollte auch nicht die italienische Sprache als Anhaltspunkt herangezogen werden, sondern das im Deutschen ('wohl-') klanglich maximal Erzielbare. Als Referenzpunkt und Beispiel für das sprachlich Machbare und in Deutschland bewiesenermaßen Erfolgreiche könnte die Sprachbehandlung und das Klangergebnis deutscher Opern der gleichen Epoche dienen. Beschränkt man die phonetischen Anforderungen auf die im Deutschen tatsächlich erreichbaren Resultate, stellt die vom Italienischen deutlich abweichende Phonetik ein sängerisch-technisches, aber kein eigentliches Opernübersetzungsproblem dar...

An zahlreichen Beispielen aus Verdis Oper La Traviata wird aufgezeigt, wie sich diese aus übersetzerischen resultierenden sängerisch-technischen Probleme manifestieren, wie unterschiedlich sie behandelt und gelöst werden können. Neben einer Darstellung der bei einer Opernübersetzung zu beachtenden Kriterien werden auch Überlegungen zu Sinn und Nutzen der Opernübersetzung angestellt sowie zahlreiche Äußerungen des Komponisten Verdi im Zusammenhang mit der Übersetzungspraxis und besonders auch zu Wert und Zweck seiner Melodramma-Libretti angeführt.


Einführender Abstract zur Publikation "La Traviata - verführt, verirrt, oder vom rechten Weg abgekommen? Über die wahren Schwierigkeiten beim Übersetzen italienischer Opernlibretti ins Deutsche"
Autor: Arthur Micke
ISBN 3932388-03-8
193 Seiten
zu bestellen bei: www.amazon.de
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