Parsifal 2016 : Darf’s noch ein bisschen Blut sein?

 

Was bleibt nach Blutzgerinsel, Religionenbeisetzung, Sommerregenduschspaß und erhelltem Zuschauerraum im finalen Ausklang?

Gurnemanz Georg Zeppenfeld war gut, sowohl als Darsteller als auch als Sänger, könnte sicher auch als  Wotan gefallen. Kundry, Elena Pankratova, hinterlässt kaum bleibende Spuren, bei Parsifal, K.F.Vogt hingegen gibt es doch das eine oder andere zu bemerken; zuerst: ein wunderbarer David, aber leider gab man nicht die Meistersinger, sondern Parsifal. Oft schön anzuschauen, teilweise nette, einfühlsame Stimme, aber nicht immer wirkungsvoll, und insgesamt wenig Packendes bietend.  Kundrys Schrei bei „und lachte“ wirkte primadonnenhaft unnatürlich in die Länge (und Höhe) gezogen, so dass man kurz aus dem Halbschlaf aufschrak; Parsifal hatte keine bleibenden Momente, allerdings auch keine wirklich negativen. Amfortas, Ryan McKinny,  wurde da und dort in Szene gesetzt. Er im Blut ist ein bleibendes Bild; dass er Kundry auf der Bühne besteigt, den einst Titurel gewesenen Sand sinnend durch die Finger rieseln lässt und sich in den Sarg legt, versteht sich danach fast von selbst. Über die stimmliche Leistung gibt es weniger zu berichten, die darstellerische Leistung überwiegt.

McKinny wird Spielball diffuser Regieeinfälle, die (mal wieder in Bayreuth) in den Vordergrund gestellt werden. Die Tatsache, dass man genau das, was man im Text sagt und/oder in der Musik dargestellt wird, auch noch einmal szenisch zeigt, ist ideal für die textunkundigen Kinder und die (Wagner-)Operunerfahrenen, die die Festspielkarten bei Ebay ersteigert oder geschenkt bekommen haben. Der Regisseur und mit ihm die Bayreuthverantwortlichen gehen scheinbar davon aus, dass das eine breite Masse im Publikum ausmacht.

So gibt es neben der (langweiligen?) in Worte gefassten inneren Reflexion das plakative Zeigen des Benannten ("nehmet hin mein Blut"). Wagner selbst war sich sicher, dass in seiner Musik eigentlich schon alles Wesentliche gesagt sei. Man muss nur bewusst und sensibel zuhören - aber wer kann das heute noch, mögen die Bayreuthverantwortlichen denken. Tja, Wagners Nachfolger im Amt wissen es natürlich besser als der Meister und lassen das Publikum sicherheitshalber weniger selbst erkennen. Nur eine Frage der Zeit bis seine Opern in Bayreuth auch noch übertitelt werden.

 

Jeder Regisseur weiß: Parsifal hat was mit Religion zu tun, aber mit welcher? Und wie?

Die Aktualisierung des Stoffes bringt selbstredend auch die Entmythisierung desselben mit sich. Aber warum ein Weihespiel entweihen? Tatsächlich scheint einiges aus dem Parsifal in unsere heutige Zeit der Religionskonflikte zu passen, aber die Banalisierung (Veralltäglichung) der Kunst bringt das Dilemma mit sich, aus dem individuell interpretierbaren Künstlichen bühnenuntaugliche, aktuelle Realität zu machen. Die für die Kunst entscheidende Dimensionen der Abstraktion und Vision (das subjektive „sich etwas darunter Vorstellen“ und etwas Neues wagen) geht verloren und damit das, was das Kunstwerk der Zukunft von Tagesschau+Musik  unterscheidet. Aber genau dahin ging in den letzten Jahren der Bayreuther Regieweg: Seifenoper mit Wagnermusik.

 

Das Dirigat von Haenchen war unspektakulär, was keineswegs als Makel angesehen werden soll, sondern für die aktuellen Bayreuther Kunstverhältnisse schon eher als positives Merkmal. Der Chor in Bayreuth ist eine feste Größe, ohne Fehl und Tadel auch diesmal wieder.

 

Die Idee, den Zuschauerraum schon vor Ende der Oper hell zu machen ist übrigens sehr gut, so tritt man den Nachbarn beim (endlich vorzeitig möglichen) Verlassen des Zuschauerraums nicht auf die Plastiktüte mit Chips.